Julian Assange in: “Die Borgkönigin”

Dezember 7th, 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

“Wikileaks ist tot, lang lebe Wikileaks”

Der performative Widerspruch, der in dieser Artikulation Ausdruck findet  fasst die aktuelle diskursive Formation zur gesellschaftspolitischen Diskussionen über Wikileaks metaphorisch sowie illustrativ treffend zusammen. Die transnationale Internetplattform ist nicht erst seit Gestern Gegenstand von kontroverser und konfrontativer Auseinandersetzungen in Medien und Politik. Gerade veröffentlichte die FAZ eine kurze Genealogie über Julian Assange, in der die Geschichte des Kopfs von Wikileaks erzählt wird. In dieser werden die Wünsche, Hoffnungen und Ideale des Internet-Rebellen – die manifesten sowie latenten Bedeutungsstrukturen – dargestellt und für die Gesellschaft transparent und objektiv festgehalten, um die “wahren” Intentionen und Beweggründe des mysteriösen Mannes zu erklären. Die mediale Konstruktion, die um Assange vollzogen wird entspricht dem typischen Muster eines modernen aufklärerischen Drangs.  Es geht dabei methodologisch, wie es Foucault einst hinsichtlich des Verhältnisses zwischen Sexualität und Wahrheit bezeichnete, um den “Wille zum Wissen”.

Irritationen und unentscheidbare Situationen, die soziale Krisen erzeugen sollen möglichst schnell normalisiert, standardisiert und in routinisierte Deutungs- und Verhaltensmuster übersetzt werden. Was eignet sich dabei besser, als das Phänomen “Wikileaks” ursächlich erfassen zu können. Dabei bietet sich eine zentralistisch gedachte Konzeption und Analyse von Machtstrukturen besonders gut an. Es wird eine übergeordnete Instanz benötigt, ein manifester individueller Akteur, der hinter dem spezifischen Macht-Wissens-Komplex steht. Ist dieser Akteur konzipiert und definiert, beginnt ein sinnlogisch motivierter Konstruktionsprozess . Ein postmodernes Phänomen wie Wikileaks, für dessen gesellschaftstheoretische Analyse -und die sich daraus ergebenden praktischen Implikationen-  ein offenes und pragmatisches Vokabular benötigt würde, um es angemessen zu beschreiben, wird stattdessen in ein paradigmatisches Korsett geschnürt. Man(n) will einfach wissen, “was die Welt (in diesem Fall Wikileaks) im Innersten zusammen hält”.

Es fällt schwer sich mit der Vorstellung anzufreunden oder lediglich in Erwägung zu ziehen, dass ein wesentliches Merkmal von sozialen Netzwerken im 21. Jahrhundert eine zutiefst pluralistisch-heterogene Identität bzw. dezentrale Akteursstruktur sein könnte. Eine genaue Analyse von Wikileaks hinsichtlich möglicher multilatraler Charakteristika und Verknüpfungen innerhalb dieses Komplexes bleiben in einem “konstitutiven Außen“ vom Diskurs demarkiert und somit hegemonial separiert. Infolge dessen bewegt man sich unter der Maxime „Suche nach guten Gründen“, um so etwas wie Wikileaks erkenntnistheoretisch zu verarbeiten und in ein vertrautes Vokabular zu übersetzen lediglich an der Oberfläche von (kritischer) Reflexionsarbeit. Der ambitionierte Anspruch „Neues, Krisenhaftes und Irritierendes“ zu zulassen, zugleich die Rolle eines Entdeckers einzunehmen und neues Wissen problembezogen zu verarbeiten und für eine breite Masse kommunikativ zu übersetzen, weicht dann der praktikableren Variante einer Subsumtion von empirischen Fakten unter etablierte Erklärungs- und Theorieansätze. Der Spezifik  und Kontingenz des sozialen Charakters von Phänomenen wie Wikileaks wird damit ebenso wenig Aufmerksamkeit zugesprochen, wie eine Orientierung an dem grundlegenden normativem Ideal der Moderne, BürgerInnen aus ihrer Unmündigkeit zu befreien, damit sie sich zu aufgeklärten emanzipierten Subjekten entwickeln können.

Wie es möglich sein konnte, dass Wikileaks sich innerhalb der letzten Jahre zu dem entwickeln konnte, was es Heute ist und wie sich die verschiedenen Handlungen und Aktivitäten des Netzwerks und die damit verbundenen sozialen Wirkungen so konfigurieren konnten bleibt unter der Perspektive des methodologischen Individualismus unberücksichtigt und somit ausgeklammert.

Diese konstitutionstheoretische Einbahnstraße muss so nicht konstruiert werden. Stattdessen könnte versucht werden eine holistische Perspektive der gesellschaftspolitischen Analyse einzunehmen. Somit würde die Möglichkeit entstehen, die soziale Einbettung und die konstitutiven Bedingungen von Phänomenen wie Wikileaks unter einem rekonstruktionslogischen Blick zu fassen. Das würde zum einen den historischen Vorbedingungen des Aufstiegs von Wikileaks Rechnung tragen und zum anderen die Kontingenz berücksichtigen, der Bedeutungszuschreibungen über und zu Wikileaks unterliegen. So ist Wikileaks z.B. nicht an sich „freiheitlich“ „wertvoll“, „notwendig“, „undemokratisch“ oder „problematisch“. Die jeweiligen Zuschreibungen, die in äquivalenten bzw. differentiellen Beziehungen zu- und gegeneinander gesetzt werden, können weder aus einer amorphe Form abgeleitet werden, noch sind sie überzeitlich-rekursiv .

Zudem sind sie auch nicht in einem außer-sprachlichen Feld situiert. Dinge sprechen nicht, das tun nur Menschen(!) Aufgrund dessen sollte es Aufgabe von reflexivem Journalismus sowie gesellschaftspolitischer (Medien-)Analyse sein, hegemoniale Artikulationen, ihre Entstehung und  Konfiguration bzw. ihre performativen Effekte zu untersuchen, die im Nexus von politischer Faktizität und demokratisch-imaginärem von Spiegeln der Gesellschaft – wie Wikileaks -produziert werden.

-rk

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